Getreu dem Motto „Warum denn in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah“ führte der Ausflug, zu dem über die Frauenkreise hinaus alle Mitglieder der der AMeN-Gemeinden eingeladen waren, auf die andere Rheinseite hinüber nach Mainz. Im Mittelpunkt des Programms stand, nach einer kurzen Stadtrundfahrt mit professioneller Fremdenführerin, ein Besuch der Kirche St. Stephan mit einem Expertenvortrag zu den Chagall-Fenstern.
Der 22. Mai war ein sehr heißer Tag, und der dichte Freitag-Nachmittag-Verkehr tat sein Übriges, die Fahrt durch Mainz etwas beschwerlich zu machen – für die Stadtführerin eine echte Herausforderung, denn der Weg von der Mainzer Synagoge zurück zum Zentrum dauerte so lange, dass ein Teil des Programms gestrichen und zugleich die Zeit im Stau mit kurzweiligen Erzählungen gefüllt werden musste. Die Dame gab ihr Bestes, erklärte unterwegs, dass die „SchUM-Städte“ Mainz, Worms und Speyer seit 5 Jahren UNESCO-Weltkulturerbe gehören, und was es damit auf sich hat: „SchUM“ steht für die hebräischen Anfangsbuchstaben der Städtenamen Schpira (Speyer), Warmaisa (Worms) und Magenza (Mainz), die im Mittelalter einen Verbund und das Zentrum des aschkenasischen Judentums bildeten („Aschkenas“ ist Deutschland).
Die geänderte Route führte am Römischen Theater vorbei – auf das man aus dem Bus heraus einen tollen Blick hatte – und kreuzte auf dem Weg zur Kirche die allen seit Covid 19 bekannte Straße „An der Goldgrube“, wo ein Unternehmen der medizinischen Forschung seinen Sitz hat… Das gab Anlass zur Bemerkung der Touristenführerin, dass die nach dem 2. Weltkrieg in Trümmern liegende und durch den Wiederaufbau hochverschuldete Stadt Mainz, die zudem durch die von den Alliierten neu gesetzten Ländergrenzen ihre wichtigen Industrie-Stadtteile AKK an Wiesbaden verloren hat, durch Gewerbesteuereinnahmen nach der Pandemie ihren Schuldenberg auf das vergleichbar übliche Maß schrumpfen konnte. So erfuhr man trotz der ‚abgespeckten‘ Stadtrundfahrt einiges Neue über die Nachbarstadt am anderen Rheinufer…
Die aus Frauenkreis-Ausflügen bekannte Kaffeepause musste zugunsten des Kulturprogramms ausfallen, was von der ein oder anderen Teilnehmerin bedauert wurde. (Wie schön, dass es in Naurod jetzt ein veritables Café gibt – vielleicht lässt sich das Zusammensein bei Kaffee und Kuchen dort mal nachholen? Ich wäre dabei 😊) Aber der kühle, weite Kirchenraum von St. Stephan mit der wunderschönen Lichtstimmung durch die blauen Seitenfenster tat allen gut, war eine Einladung, die Welt da draußen mit ihren verstopften Straßen und von Abgasen getrübter Luft, mit ihren Querelen und Konflikten, Hoffnungen und Enttäuschungen für eine Weile zu vergessen.
Der von Pfarrer Tschöpel organisierte, munter vorgetragene und mit feinem Humor gewürzte Vortrag von Dr. Thomas Hieke, Professor für Altes Testament an der Fakultät für Katholische Theologie an der Mainzer Uni, ließ die Zeit wie im Flug vergehen; leicht verständlich – wenn auch leider akustisch nicht von allen Plätzen gleich gut – erzählte Dr. Hieke die Geschichte der Fenster, und kommentierte die Geschichten, die die Fenster erzählen, ihrer Anordnung nach und die Verwendung der kräftigen Farben deutend.
Die Antwort auf die Frage, wie denn Chagall dazu kam, ausgerechnet eine Mainzer Kirche mit seiner Glaskunst auszustatten, war ebenso interessant wie die nach den dargestellten biblischen Motiven und Gestalten, ausgewählt von einem jüdischen Künstler für eine christliche Kirche. Im Einzelnen ist das vielerorts nachzulesen; aber was man in Erinnerung behält, ist, dass es diese Fenster als ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung nicht gäbe, hätte nicht Klaus Mayer, Sohn eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter und nur selbst knapp der Deportation ins KZ entkommen, als Pfarrer von St. Stephan in den 1970-er Jahren wieder und wieder Marc Chagall, mit der Bitte angeschrieben, die Fenster des wieder aufgebauten Gotteshauses zu gestalten. Chagall, russisch-französischer Jude, dessen Bilder im Nazi-Deutschland als „Entartete Kunst“ beschlagnahmt worden waren, selbst in letzter Minute in die USA emigriert, antwortete erst nach Jahren – und arbeitete dann bis an sein Lebensende an den Fenstern für den Ostchor der Mainzer Kirche. Doch nach seiner Rückkehr nach Europa noch einmal deutschen Boden zu betreten, konnte er sich nicht überwinden…
Seine Kunst im Chorraum von St. Stephan spricht in kräftigen, leuchtenden Farben die Sprache des Lebens, das über das Böse siegt, in der „Vision vom Gott der Väter“ (Mittelfenster), flankiert von der „Vision der Heilsgeschichte“ (Seitenfenster), alles eingerahmt vom „Lob der Schöpfung“. Der Gekreuzigte in Gelb (wie der Judenstern), von Chagall als Mahnung und Erinnerung an den Holocaust in eins der Fenster integriert, ist für Christen zugleich der für die Sünden der Menschen Gestorbene, der auferstehen wird – Alle verbindendes Zeichen der Liebe, die über den Tod siegt. – Wen die Fenster, ihre Geschichte und Geschichten einmal erreicht haben, den lassen sie nicht mehr los; eine Stunde reicht gerade dazu aus, auf den Geschmack zu kommen. Zum Glück ist Mainz nicht weit…
Doch so viel Kultur an einem Nachmittag macht zwar die Seele satt an Eindrücken, doch der Mensch, auch wenn er nicht vom Brot allein lebt, wird irgendwann hungrig und durstig, und braucht Brot und Wasser – oder Wein: Das anschließende Abendessen in einem Kostheimer Weingut bei hausgemachten Köstlichkeiten, einem kühlen Glas Wein und munteren Gesprächen war ein schöner Ausklang des Tages. Man kann auf den nächsten Ausflug gespannt sein!
Dr. Margit Ruffing

