Einblicke in jüdisches Leben – heute und damals

Die Mitwirkenden des Ökumenekreises aus den AMeN-Gemeinden und St. Elisabeth haben im vergangenen Jahr bei ihren Überlegungen zum Herbstseminar betroffen festgestellt, dass sie als aktive Angehörige der größten christlichen Konfessionen nur sehr wenig über das Gemeindeleben der Menschen jüdischen Glaubens wissen; schnell einigte man sich darauf, das zu ändern: Die jährliche Vortragsveranstaltung im letzten Quartal des Jahres, traditionell „Herbstseminar“ genannt, sollte die Geschichte und das Alltagsleben der Jüdischen Gemeinde in Wiesbaden zum Thema haben. Am Donnerstag, 6. November 2025 fand in der Pfarrscheune Medenbach die Veranstaltung statt, für die Steve Landau, der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden und des Jüdischen Lehrhauses, als Referent gewonnen werden konnte; seinen Vortrag „Einblicke in jüdisches Leben – heute und damals“ kündigte er mit diesen Worten an:

„Die Geschichte der Juden in Deutschland wird oft mit der Zeit des Nationalsozialismus verknüpft. Dabei lebten Juden nachweislich bereits seit dem 4. Jahrhundert auf dem Gebiet, das heute Deutschland heißt. Erstmals urkundlich erwähnt werden Juden in Köln im Jahr 321. Dies ist der älteste schriftliche Beweis für jüdisches Leben nördlich der Alpen. Nach der Schoah war jüdisches Leben in Deutschland kaum mehr vorstellbar. Dennoch hat es sich in den vergangenen Jahren so dynamisch entwickelt wie kaum in einem anderen Land in Europa.“

In seinem Vortrag erläuterte er, „welche Rolle der Erste Weltkrieg für die Juden spielte, was mit den Überlebenden der Schoah geschah und welche Folgen der Zusammenbruch der Sowjetunion für die jüdischen Gemeinden hierzulande hatte.“ Der Blick auf die Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland sollte uns helfen zu verstehen, „wie jüdische Gemeinden in Deutschland heute organisiert sind und vor welchen aktuellen Herausforderungen sie aktuell stehen“, und genau das war das Anliegen des Ökumenekreises.

Wie nötig wir die erbetenen Informationen hatten, zeigte sich schon im Vorfeld bei der Organisation des Abends. Bei meinem ersten Telefonat mit Herrn Landau erklärte ich ihm unsere Anfrage auch damit, dass wir in den ländlichen Gemeinden so wenig über den Alltag von Menschen jüdischen Glaubens wissen, weil wir keine in unserem Alltag treffen, weil es hier wohl keine gibt. Herrn Landaus Einwurf „Das wissen Sie nicht!“ beschämte mich. Es ist so, ich weiß es nicht, wir wissen es nicht: Denn die Mitglieder der jüdischen Gemeinden sprechen nicht über ihren Glauben, sie geben sich nicht öffentlich zu erkennen, weil ihnen dadurch Nachteile entstehen, sie antisemitischen Äußerungen ausgesetzt sind, sie, und schlimmer noch, ihre Kinder in den Schulen bedroht oder gar angegriffen werden. Dass der Alltag jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich zu ihrem Glauben öffentlich bekennen, auch heute, heute noch, heute wieder, in unserem Land von unsensiblen bis aggressiven Reaktionen ihrer christlichen oder nichtreligiösen Mitmenschen geprägt ist, war uns nicht bewusst. Wir haben seitens des Ökumenekreises den – im Nachhinein naiven – Vorschlag gemacht, dass Herr Landau in Begleitung einer jüdischen Familie an unserer Veranstaltung teilnehmen könnte. Wir mussten erfahren, dass unter den aktuellen Umständen es nicht nur unmöglich ist, unserem Vorschlag zu entsprechen, sondern dass selbst Herr Landau seine Teilnahmen an öffentlichen Veranstaltungen der Polizei meldet, die dann entscheidet, wann und wo für den Schutz seiner Person gesorgt wird.

Der Vortrag von Steve Landau übertraf alle Erwartungen. Das lag nicht nur an den bestens ausgewählten, gut dokumentierten Inhalten, sondern vor allem auch an der menschenfreundlichen, offenen Art, in der Herr Landau die einschneidenden und in der Schoah gipfelnden Ereignisse und Entwicklungen der Geschichte jüdischer Gemeinden am Beispiel der Wiesbadener in knapp anderthalb Stunden frei sprechend präsentierte. Kein vorwurfsvoller Unterton, nur für sich sprechende Fakten… Und zuweilen humorvolle Bemerkungen, die der unvermeidlichen bedrückten Stimmung entgegenwirkten, die den Zuhörerinnen und Zuhörern den Lebensmut, die Zuversicht und Unzerstörbarkeit tiefen jüdischer Glaubensüberzeugung und -praxis nahebrachten. Die knapp 40 Anwesenden waren berührt und betroffen; es dauerte eine Weile, bis Fragen formuliert werden konnten und ein Dialog in Gang kam, der dann in weitere Gespräche untereinander bei einem Glas Wasser oder Wein überging. – Im Zusammenhang mit dem Herbstseminar war mit Herrn Landau ein Termin für eine Führung in der Wiesbadener Synagoge vereinbart worden. Es gab allerdings nicht genügend Anmeldungen, weshalb die Besichtigung in November abgesagt und aufs Frühjahr verschoben wurde. Der neue Termin wird auf den Internetseiten der Gemeinden und in Gottesdiensten und Aushängen vor Ort kommuniziert; aufgrund der oben beschriebenen Umstände ist eine Anmeldung erforderlich. Falls Sie die Synagoge noch nicht kennen, nutzen Sie das Angebot, Sie werden es nicht bereuen. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen!

Dr. Margit Ruffing